Das Herz im Spiegel

Mittwoch, September 06, 2006

Für die einen ist es ein fragmentarischer Wochenrückblick, für die anderen der längste Blog-Eintrag der Welt

Dienstag, 29. August
11:08 Uhr: Schock! Ich hab’ verschlafen! (Wenn ich spät dran bin, komme ich immer so schlecht ins Lernen rein!) Reg’ mich zuerst total darüber auf, entscheide mich dann jedoch für einen Uni- und lernfreien Tag und widme mich hingebungsvoll der Hausarbeit.

15:05 Uhr: Christa Hallenberger aus unserer Gemeinde ruft an. Sie erzählt von einem kleinen Haus, das in Oberasphe vermietet werden soll. Am Samstag können wie es uns ansehen und – wenn es uns gefällt – mieten. Bin total gespannt.

15:20 Uhr: Während ich den grünen Müll runter bringe, begegne ich Frau Preis. Sie ist über 70 Jahre alt, wohnt ebenfalls als Mieterin in unserem Haus, und (was weitaus schlimmer ist) sie kann mich nicht leiden. Zuerst bin ich davon überzeugt, dass unsere Begegnung mit ein paar freundlichen Floskeln über das Wetter beendet sein wird, aber … zu früh gefreut. Mit Entsetzen muss ich feststellen, dass sie in Kampfposition geht. Ich weiß nicht, wie sie es macht, aber obwohl Frau Preis etwa einen Kopf kleiner ist als ich, gelingt es ihr, auf mich herabzusehen. Sie ist verärgert. Es geht um die Hausordnung - wie immer! Angeblich putzen wir zu wenig! Während ich weiterhin versuche, so unschuldig wie nur irgend möglich auszusehen (Was eine echte Kunst ist, wenn man ununterbrochen mit „Schätzchen“ angeredet wird!), durchsuche ich mein Repertoire an frommen Herzenseinstellungen und Gesichtsausdrücken. Blöderweise kann ich die Visage zum Thema „Wie ich im Angesicht völlig ungerechtfertigter Beschimpfungen meinem Feind in demütiger und barmherziger Nächstenliebe auch noch die linke Backe hinhalte“ nicht finden. Alles, was auffindbar ist, ist die eher emotional geprägte, abtrünnige Geisteshaltung „Spontane Mordlust“. Hab’ mich glücklicherweise soweit im Griff, dass ich diesem Impuls nicht nachgebe.

15:35 Uhr: Wieder in unserer Wohnung. Fühle mich zutiefst gekränkt, beleidigt, beschimpft und unbeliebt. Warum mag sie mich nicht? Ich mein’, wir schenken ihr zu Weihnachten immer selbstgebackene Plätzchen! Kann sie mich da im Gegenzug nicht ein winziges bisschen in ihr Herz schließen? Ich bin aufgebracht: Wie kann sie nur…! Andererseits fühle ich mich schrecklich. Höre sie in Gedanken zu ihrem Mann sagen: „Ja, nen dicken Fisch auf’m Auto und jeden Sonntag in den Gottesdienst rennen, aber putzen können sie nicht!“ Fühl mich so unsagbar elend! Ich gehe noch mal forschend in mich, finde aber immer noch keine Liebe für Frau Preis. Fakt ist, ICH kann SIE nicht leiden! Bin erschüttert über mich selbst… und immer noch wütend. Habe drei Bedürfnisse gleichzeitig: 1. den Mietvertrag in Oberasphe unverzüglich zu unterschreiben; 2. zu putzen; 3. eine Freundin anzurufen. Tue letzteres.

17°° Uhr: Ich entdecke vierzehn kleine Fischbabys. Unser Purpurbrachtbuntbarsch-Pärchen hat sich endlich vermehrt. Jippieeee! Hoffe so sehr, dass die winzigen Fischchen die Nacht überleben.

Mittwoch, 30. August
Es sind noch 14 Fischbabys da! Ihre Eltern beschützen sie aggressiv vor den anderen Aquariumbewohnern. Die frischgebackene Familie nimmt mittlerweile 2/3 des ganzen Aquariums ein.

Donnerstag, 31. August
10°° Uhr: Gießen. Ich will drei Bücher in der Bibliothek ausleihen oder wenigstens kopieren. Aber alle Exemplare sind entweder bereits verliehen oder wurden geklaut. Na, super!

11°° Uhr: Die Sprechstunde bei meiner Prüferin in Psychologie verläuft glänzend. Die Dozentin grenzt die Themen ganz gut ein. Fasse Mut.

12:30 Uhr: Esse gemeinsam mit meinen Schwiegereltern in der Mensa zu Mittag. Während eines Gesprächs gestikuliere ich so wild, dass ich mir ein Glas mit Cola auf den Schoß kippe. Bin so erschrocken, dass ich unüberlegt aufspringe, so dass der Rest der braunen Limonade auf meinen Stuhl läuft. Bevor ich das jedoch registriere, setzte ich mich wieder hin. Ergebnis: Ich sehe von vorne und hinten aus, als hätte ich mir in die Hosen gemacht. Was soll man dazu sagen? Herzlich Willkommen in meinem Leben!

20°° Uhr: Hauskreis. Ich gehe total gerne in unseren neuen Hauskreis. Wir haben bis jetzt immer gute Gespräche und viel Spaß miteinander. Als ich zu Hause bin, beschleicht mich jedoch das bedrückende Gefühl, dass viel zu viel Unwichtiges ausgiebig diskutiert wurde, und dass das größtenteils auf meine Kappe geht. Gespräche reizen mich immer so, und ich diskutiere so furchtbar gerne… Es bedeutet: Anregungen sammeln, den eigenen Standpunkt überprüfen, erweitern, korrigieren, sich im geschickten Sprachgebrauch üben, neue Gedanken mit nach Hause nehmen usw. Einfach Spaß eben! Na ja, das bedrückende Gefühl bleibt. Bin fest entschlossen, beim nächsten Mal voller Besonnenheit zu schweigen, wissend zu nicken und mich nur zu äußern, wenn es der Erbauung dient…

23°° Uhr: Zähle die Fischbabys und komme auf 11.

Freitag, 1. September
12°° Uhr: Wohnzimmer. Wichtiges Gespräch mit Andreas. Wo wollen wir hin? Wie soll es im nächsten Jahr weitergehen? Der Austausch tut richtig gut, obwohl unsere ganze Arbeit, die wir an diesem Vormittag erledigen wollten, liegen bleibt. Na ja, man muss schließlich Prioritäten setzen. Hab’ anschließend das Gefühl, dass wir uns wieder mal ein Stück näher gekommen sind. Bin so froh, dass ich Andreas habe! Gibt es wirklich Momente, in denen mich dieser erstklassige, unheimlich gut aussehende Mann wütend macht? Hm, das muss in einem anderen Leben gewesen sein!

15:30 Uhr: Bin total gelassen! Eigentlich schon seit Montag. Das wird schon alles. Prüfungen sind wie Theaterspielen, sage ich mir. Ich muss einfach nur eine Rolle spielen. Ich werde als „unheimlich kluge und gebildete Christine“ vor meine Prüfer treten und so tun, als ob ich mich richtig gut auskenne. Und sollte das nicht der Fall sein (Was sehr wahrscheinlich ist!), werde ich improvisieren. Hauptsache cool bleiben und immer zuversichtlich lächeln! Finde, das ist ein guter Plan! Es wird alles gut!

20.15 Uhr: Ich finde mich vor'm Fernsehen wieder, wo ich im Begriff bin, mir die letzte Folge von „Verliebt in Berlin“ in Spielfilmlänge anzusehen. Nicht, dass ich so etwas mag! Nur um das klarzustellen. Aber ich wollte schon immer mal wissen, wie so eine Telenovela ausgeht. Die Sendung ist wirklich schlecht. So schlecht, dass ich nicht weggucken kann. Finde es total peinlich – die Sendung und die Tatsache, dass ich sie mir ansehe. Ich beschließe beschämt, niemals irgendjemandem von diesem nahezu unverzeihlichen Ausrutscher in der Geschichte meines Fernsehkonsums zu erzählen.

23:45 Uhr: Kann kaum einschlafen. Bin wegen morgen total aufgeregt. In Gedanken platziere ich schon den Weihnachtsbaum in unserer neuen Wohnung und überlege voller Vorfreude, wie ich mein neues (unheimlich großes) Büro einrichte. Andreas macht mich behutsam darauf aufmerksam, dass wir das Haus noch nicht mal gesehen, geschweige denn gemietet haben. Aber ich bin völlig davon überzeugt, dass nichts schief gehen kann. Es klingt einfach zu perfekt. Andreas ist bezüglich unserer neuen Adresse in spee viel zu sachlich und distanziert.

Samstag, 2 September
9°° Uhr: Oberasphe. Wohnungsbesichtigung. Während Andreas lauter kluge, vorausschauende und sachliche Fragen stellt, laufe ich durch die Wohnung und projiziere unsere Möbelstücke und die sonstige Einrichtung gedanklich in die fremden vier Wände. Mich beschäftigen hauptsächlich die Fragen: Kann ich mir vorstellen, hier zu wohnen? Kann ich diese Wohnung gemütlich und ansprechend einrichten? Ich gebe mir ganz viel Mühe, aber es klappt nicht. Trotz verschiedener Herangehensweisen kommen Andreas und ich zu dem übereinstimmenden Ergebnis, dass das Häuschen trotz vieler Vorzüge nicht für uns geeignet ist. Es müsste zuviel renoviert werden, wir müssten eine Küche kaufen, es gibt zuwenig Abstellplatz, die Kosten wären zu hoch! Ich bin total enttäuscht. Sind wir zu anspruchsvoll? Werden wir jemals aus Simtshausen raus kommen? Wer viel träumt, stürzt tief! :-(

11:45 Uhr: Lerngruppe. Wie so oft haben wir uns zu viel vorgenommen und schaffen nur die Hälfte. Ab 19:30 Uhr haben meine Freundin und ich das Gefühl keinen klaren Gedanken mehr fassen zu können.

22°° Uhr: Entdecke nur noch 8 kleine Purpurbrachtbuntbarsche in meinem Aquarium. Erhöhe für die anderen Fische die Futterration, damit sie die Kleinen in Ruhe lassen.

23:30 Uhr: Mein Schwager Chrissi besucht uns. Er schläft bei uns, um morgen früh mit uns nach Wehrda zum Christus-Tag zu fahren. Freu mich immer, wenn er da ist.

Sonntag, 3. September
9:25 Uhr: Wir stolpern eilig aus dem Haus (Drei Leute und ein Bad sind eine echte Herausforderung!) und fahren so schnell es geht nach Wehrda in die Evangeliumshalle, wo der Christus-Tag stattfindet. Als wir die fast voll besetzte Evangeliumshalle betreten, bin ich irgendwie überwältigt. Es ist schon so lange her, seit ich das letzte Mal da war. Ich muss an all die Jungscharfreizeiten in Sonneck denken und an die Pfingstjugendtreffen, die wir mit unserem Jugendkreis dort verbracht haben. Fühle mich plötzlich uralt, obwohl mir die Tatsache, dass ich noch ziemlich jung bin, durchaus bewusst ist. Ich treffe im Laufe des Tages viele Leute: Freunde und Bekannte aus unserer alten und neuen Gemeinde, Leute von der Uni, Verwandte usw. Fühl’ mich irgendwie gut aufgehoben. Es ist schön, ein Teil von etwas zu sein. Danke Gott, für alle diese Menschen.

19:15 Uhr: Wieder zu Hause. Ivonne ruft an und berichtet, was sie alles geschafft und gelernt hat. Ich spüre, wie die Panik langsam wiederkommt. Ich hab’ heute nichts geschafft!!! Rede mir wieder Mut zu! Aber irgendwie klappt es nicht so richtig.

Montag, 4. September
Ich liebe Deutsch, aber Textlinguistik??? Was hab ich mir mit diesem Thema bloß eingebrockt. Angst und Panik kehren vollständig zurück. Gelassenheit, wo bist du??? Obwohl ich gerade Deutsch lerne, muss ich ständig an Mathe denken. Mathe raubt mir noch den letzten Nerv. Und dann diese naiven Menschen, die immer sagen: „Mathematik für die Grundschule kann doch nicht so schwer sein!“ Also, jetzt mal für alle: Wir lernen nicht das eins plus eins gleich zwei ist, sondern, WARUM eins plus eins gleich zwei ist. Nicht, dass ich das wüsste... Vielleicht ist genau das mein Problem…

Dienstag, 5. September
15:20 Uhr: Hatte bis eben Lerngruppe. Puh, bin ziemlich erschöpft. Ab wann tritt ein eigentlich der Zustand ein, in dem man nicht mehr denken kann? Hab’ das Gefühl, als würde an meiner Stirn ein großes, rot blinkendes Schild hängen mit der Aufschrift: Besetzt! Mathe geht mir nicht mehr aus dem Kopf (Aber rein geht es tragischerweise auch nicht!)! Warum hab' ich bloß dieses Fach studiert? Bin fix und fertig. Lenke mich mit einem Blog-Eintrag ab, der dann viel zu lang wird. Aber, was raus muss, muss raus…

21:30 Uhr: Zähle noch 6 kleine Purpurbrachtbuntbarsche! Haltet euch tapfer, Jungs!

Mittwoch, 6. September
9:40 Uhr: Bin verzweifelt. Mein Computer bzw. mein analoger, DSL-ferner Internetzugang ärgern mich (Mal wieder!). Irgendwie weigern sie sich, die komplette Seite hochzuladen. Das Ergebnis ist, dass ich diesen Eintrag nicht so kreativ gestalten kann, wie ich will. Oder besser gesagt, ich kann ihn gar nicht gestalten. *vorwutschnaub* Poste ihn trotzdem!

5 Comments:

  • Umzug!??? Nach Oberasphe!?
    Also ich bin grad beim 1.September^^ und weiß daher nicht ob's drin steht, aber wie habt ihr euch denn bis jetzt entschieden???

    By Blogger Joke, at 9/06/2006 12:51:00 PM  

  • Ok. Bin fertig und es ging schneller als ich gedacht hatte (war dann doch nicht so lang *gg*).
    Der Vorteil von Simtshausen ist, dass ihr näher an Goßfelden seit und das wiederum hat den Vorteil, dass ich euch besser besuchen kommen kann. Moment!!! Wieso mach ich das eigentlich nicht????? Gleich mal'n Blogeintrag schreiben ;-)
    Achja, deine Appetithäbchen..äh.. Fischbabys wären evtl ganz gut in einem eigenem, kleineren Aquarium (+Mutter) aufbewart. Jedenfalls hat das die Mama und der beko immer gemacht.
    So ein langer comment zu einem noch längeren Eintrag, aber "was raus muss, muss raus"!! ;-D

    By Blogger Joke, at 9/06/2006 01:04:00 PM  

  • Ok, Christine, das ist eindeutig zu viel um alles zu kommentieren, wobei ich ja das meiste auch schon mündlich kommentiert habe :-) Aber es tut mir Leid, dass ich deine gute Stimmung am Sonntag zerstört habe. Sooo viel hatte ich ja auch nicht getan, aber als ich am Samstag heimgefahren bin, hat mich kurz hinter Gladenbach das bedrückende Gefühl beschlichen, NICHTS zu können und einfach ziemlich blöd zu sein (fast so schlimm wie bei der Panikattacke, bei der ich der Überzeugung war, meine Lehrer hätten mir aus Mitleid aufgrund meiner geringen Intelligenz mein Abi nur geschenkt und kurz davor war, mein Zeugnis wieder zurück in die Schule zu bringen; habe ich dir davon schon erzählt?). Ich konnte jedoch mein Vorhaben (und mein Auto) gerade noch bremsen und bin nicht in Panik mit 80 die Zollbuche hochgerast, um zwei Min. früher an meinem Schreibtisch zu sein und mein Wissen etwas aufzubessern. Hätte wahrscheinlich keinen guten Ausgang gehabt... Da ich Samstag auch nicht mehr in der Lage war, was zu tun, musste ich also am Sonntag was tun, um nicht vollends durchzudrehen. So ist es dazu gekommen...
    Und noch was: Jetzt mach dir bitte keinen Kopf wegen Mathe!!! Du schaffst das schon - ich darf das sagen, bin ja in der gleichen Situation wie du ;-)

    So, das war jetzt einer der längsten Kommentare auf einen der längsten Blogs.

    By Anonymous eve, at 9/06/2006 08:21:00 PM  

  • So, ich bin jetzt gerade auch fertig mit Lesen geworden.
    Vielen Dank, das war wirklich interessant.

    By Blogger bekotainment, at 9/07/2006 03:44:00 AM  

  • Zitat - "Ich beschließe beschämt, niemals irgendjemandem von diesem nahezu unverzeihlichen Ausrutscher in der Geschichte meines Fernsehkonsums zu erzählen."
    Ich empfinde die Phrase *lol* als das passendste Kommentar zu dieser Passage ^^

    By Blogger DirionII, at 9/07/2006 03:20:00 PM  

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